Interview mit Silke Bitz

Die Diplom-Biologin Silke Bitz setzt sich seit 20 Jahren für Tierrechte ein. Die 40-jährige lebt vegan.

Tierversuche sind nicht notwendig. Es gibt Alternativen. Warum sie so selten zum Zug kommen, erklärt Silke Bitz von der Organisation Ärzte gegen Tierversuche.

Wie kann ein Hersteller ohne Kaninchen testen, ob sein Shampoo in den Augen brennt?

Dafür gibt es zahlreiche Methoden, die älteste, der HET-CAM-Test, wurde 1985 vorgestellt und ist seit 2002 in der EU als Vortest anerkannt. Dafür wird die Innenhaut eines bebrüteten Hühnereis verwendet. Andere Testmethoden benutzen Hühner- oder Rinderaugen aus dem Schlachthof. Diese Methoden sind jedoch mit Tierleid verbunden. Sinnvoller sind Tests mit Zellen und Computersimulationen, die auf menschlichen Daten basieren.

Trotzdem werden im sogenannten Draize-Test immer noch Chemikalien in Kaninchen-Augen geträufelt. Warum?

Bei der Entwicklung von neuen Chemikalien und Medikamenten testen die Hersteller im Vorfeld häufig mit alternativen Methoden. Doch wenn die Unternehmen mit einer neuen Substanz auf den Markt wollen, greifen sie auf die amtlich anerkannten Tests zurück, weil diese gesetzlich vorgeschrieben sind. Das dient nicht dem Verbraucherschutz, sondern der rechtlichen Absicherung der Firmen, falls jemand durch ihre Produkte zu Schaden kommt.

Und das Gesetz schreibt Tierversuche vor?

Jeder Staat hat für solche Sicherheitstests eigene Vorgaben. Die meisten orientieren sich dabei an den Richtlinien für Chemikalientests der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), in der die meisten Industriestaaten Mitglied sind. Es dauert oft zehn bis fünfzehn Jahre, bis die OECD ein Alternativverfahren anerkennt. Tierversuche wurden dagegen ohne Prüfung in behördliche Vorschriften aufgenommen.

Warum dauert das so lange?

Da werden extreme Hürden aufgebaut und aufwändige Nachweise gefordert. Keiner der vorgeschriebenen Tierversuche wurde je in so aufwändigen Studien untersucht. Im Gegenteil: Beim Draize-Test am Kaninchenauge haben schon vor Jahrzehnten mehrere Studien beschrieben, wie verschiedene Labore bei der gleichen Testsubstanz zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Trotzdem schreibt ihn die OECD immer noch vor. Die alternativen Methoden werden nur vorgeschaltet, um besonders ätzende oder irritierende Substanzen vorab auszuscheiden.

Wie entwickeln sich die alternativen Testmethoden – jenseits der Zulassung?

Es tut sich unwahrscheinlich viel in diesem Bereich. Die Forscher von Unternehmen und Universitäten entwickeln viele innovative Methoden, zum Beispiel Bio-Chips, die mit Hilfe menschlicher Zellen Organe und Stoffwechselvorgänge simulieren. Oder einen Lungensimulator. Ausgefeilte Computermodelle können Informationen über Struktur, Wirkung und Giftigkeit von Substanzen liefern.

Trotzdem nimmt die Zahl der Tierversuche stetig zu. In Deutschland starben 2012 über drei Millionen Versuchstiere.

Nur etwa 13 Prozent der Versuche sind gesetzlich vorgeschrieben, vor allem um die Sicherheit von Produkten zu überprüfen. Dabei kommen zunehmend alternative Methoden zur Anwendung und die Zahl der Tierversuche geht zurück. Das Wachstum liegt vor allem in der Grundlagenforschung und hier insbesondere bei der Forschung mit genmanipulierten Tieren. 37 Prozent der Tiere gehen auf das Konto dieser per Definition zweckfreien Forschung.

Was sind das für Tiere?

Vor allem Mäuse, aber auch Fische, Ratten, Kaninchen oder Schweine die durch Eingriffe ins Erbgut bestimmte Eigenschaften aufweisen. Bei Mäusen wird Krebs durch Genmanipulation simuliert, was aber nichts mit der komplexen Erkrankung des Menschen zu tun hat. Tiere werden auch künstlich auf Fettleibigkeit oder Demenz manipuliert. Diese Tiere kommen also absichtlich krank gemacht auf die Welt.

Die Ärzte gegen Tierversuche stellen die Forschung an Tieren grundsätzlich in Frage?

Tierversuche beruhen auf einem veralteten wissenschaftlichen Weltbild. Darin sind Tiere reine Messinstrumente. Dabei ist offensichtlich, dass sich die Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragen lassen. Das zeigt zum Beispiel eine Untersuchung der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA. Sie ergab, dass 92 Prozent der potenziellen Medikamente, die sich im Tierversuch als wirksam und sicher erwiesen haben, nicht durch die klinische Prüfung kamen, da sich beim Menschen entweder keine oder aber eine unerwünschte Wirkung zeigte.

Unsinn Tierversuch - Ein animierter Aufklärungsfilm der Ärzte gegen Tierversuche

Kommentare

Kommentar von Simone Belger |

Vielen Dank für diesen informativen Beitrag. Ich verfolge schon länger die Recherchen von Ärzte gegen Tierversuche und bedauerlicherweise wird über das Thema immer noch zu selten berichtet. Danke!

Zurück